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Im Gespräch mit Oswald Oelz (2008)

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„Die Wand der Wände“

Der Arzt und Alpinist Oswald Oelz über das Bergdrama an der Eiger-Nordwand von 1936.

Zwei Jahre bevor Anderl Heckmair und seine Gefährten die berüchtigste Nordwand der Westalpen erstmals erfolgreich durchstiegen, spielte sich ein furchtbares Drama am Eiger ab. Worum ging es?
Vier junge Männer, zwei Deutsche und zwei Österreicher, trafen im Sommer 1936 am Fuße der Nordwand zusammen. Zunächst ging alles gut. Die Deutschen Toni Kurz und Anderl Hinterstoißer waren fantastische Kletterer. Sie fanden den richtigen Weg, machten dann aber einen entscheidenden Fehler, als sie am berühmten Hinterstoißer-Quergang das Quergangsseil abzogen. Damit hatten sie sich den Rückweg abgeschnitten. Deswegen mussten sie sich später, als sie in Not gerieten, über die senkrechten Wandpartien abseilen. Sie gerieten in Steinschlag. Innerhalb von einer Stunde waren drei der vier tot. Allein Toni Kurz hing noch lebend im Seil. Er verbrachte eine unvorstellbare Nacht körperlicher und seelischer Qualen. Und starb am Ende vor den Augen der Retter. Diese Tragödie hat Wagnersche Dimensionen.

Das Bergdrama, das jetzt verfilmt worden ist, war schon damals öffentlich zu verfolgen.
Die Szenerie wurde per Fernrohr von Schaulustigen und Journalisten mitverfolgt und publizistisch ausgeschlachtet.
Das Sterben des Toni Kurz war besonders öffentlichkeitswirksam, weil es so traurig und tragisch war. Daraus wurde die morbide Heldensaga von der Eiger-Nordwand.

Was hat das für Sie später als Bergsteiger bedeutet?
Dass die Eiger-Nordwand viel zu schwer ist, um nur überhaupt daran zu denken. Und sie ist lebensgefährlich.

Sie sind sie dennoch geklettert.
1961, da war ich 18, bin ich mit dem Motorrad nach Grindelwald gefahren, habe sie mir angeschaut und bin vor Schreck gleich weitergefahren. 1973 dann bin ich mit meinem Freund Wolfi Nairz bis in die Mitte der Wand gestiegen. Während der Nacht im Biwak habe ich fürchterliche Angst bekommen, und am nächsten Morgen haben wir uns bei strahlendem Wetter abgeseilt, sind praktisch geflüchtet. Mit 53 dann habe ich die Wand an einem Sonntag im Juli 1995 endlich durchstiegen. Zusammen mit meinem Freund Kobi Reichen, einem exzellenten Bergführer. Angst hatte ich keine mehr. Ich wusste, dass ich da durchkomme, kannte jede Stelle aus den Beschreibungen. Das ist heute eine ganz andere Wand als 1936. Damals war der Aufstieg die Reise ins Unbekannte. Von Anderl Heckmair stammt der berühmte Satz: „Es waren die wilden Zeiten. Am Sonntag ist einer heruntergefallen, am Montag haben wir ihn geholt, am Donnerstag haben wir ihn beerdigt und von der Tour des nächsten Wochenendes gesprochen.“

Warum dieser Todesmut?
Das war der Stil jener Zeit. Zum großen Teil waren diese Bergsteiger sehr arme, mittellose Männer, die keinen anspruchsvollen Job hatten. Sie sind mit den Fahrrädern in die Westalpen gefahren, haben sich Ruhm und Ehre geholt. Oder eben den Tod. Wenn sie sich Ruhm und Ehre geholt haben, haben sie eine olympische Medaille bekommen. Das war diese Wahnsinnszeit vor dem Zweiten Weltkrieg, dieses unheimlich Heroische.

Gibt es diesen Heroismus heute noch?
Er ist an den großen Wänden der großen Berge heute noch genauso vorhanden.

Ist das Himalaya-Bergsteigen die konsequente Fortführung der mangelnden Herausforderung hier?
Es ist eine Dimension weiter. Man exponiert sich noch mehr. Es ist noch gefährlicher, ein riesiges Abenteuer.

Was ist denn mit dem Everest, an dem die Routen bis zum Gipfel gesichert sind?
Am Everest muss man sich nur noch in die Fixseile einklinken. Die Sherpas tragen alles hinauf. Und im Allgemeinen hat man sogar eine Chance, gerettet zu werden, wenn etwas schief geht. Everest ist Micky Maus. Das andere ist Wagner.

Wo ist Wagner im Himalaya?
In allen großen Wänden, in denen man alleine ist. Am K2, am Kangchenzönga, in der Annapurna-Südwand, an den 7000ern und an den 6000ern. Überall dort gibt es absolut wilde Sachen. Innerhalb der Szene weiß man davon.

Was ist der Unterschied zu früher beim Klettern?
Man muss immer noch selber klettern.
Aber die Technik hat sich enorm entwickelt, die Bergsteiger trainieren noch viel konsequenter als früher. Ueli Steck hat die Eiger-Nordwand 15- oder 20-mal gemacht, sein Rekord liegt bei zwei Stunden, 47 Minuten und 33 Sekunden.

Was bedeutet die Eiger-Nordwand heute?
Eine hochinteressante, spannende, wunderschöne Tour. Eine einzigartige Atmosphäre. Man weiß, was dort alles passiert ist. Man steigt durch die Geschichte.

Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie durch die Geschichte gestiegen sind?
Ich habe gewusst: Da ist das Todesbiwak, dort wo Mehringer und Sedlmayr 1935 das letzte Mal gesehen wurden. Jetzt sind wir in der Rampe, wo Hermann Buhl 1952 unter widrigsten Bedingungen gekämpft hat. Das ist keine Plaisirtour. Das zieht man so schnell wie möglich durch. Um dem Steinschlag zu entgehen. Um durch zu sein.

Wie war es oben?
Großartig. Leider hatten wir im Gegensatz zu Heckmair keinen Schnaps dabei.

Wie kommt man von dort wieder herunter?
Man steigt über die Westflanke ab. Doch auch hier sind schon viele der erfolgreichen Eiger-Nordwand-Durchsteiger zu Tode gekommen. Die Spannung war weg, die Energien waren möglicherweise aufgebraucht. Das Gefährlichste beim Bergsteigen ist der Abstieg.

© Irene Nießen, 2008

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