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Im Gespräch mit Georg M. Oswald (2003)

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Ende einer Jugend

Von Ärzten und Juristen ist bekannt, dass sie eine Neigung zur Schriftstellerei hegen. Prominente Vertreter der ersten Fakultät sind Gottfried Benn, Alfred Döblin, Anton Tschechow. Zur zweiten zählen u.a. John Grisham, Bernhard Schlink und der Münchner Anwalt Georg M. Oswald. Beruf und Berufung bringt er seit Jahren und mit jedem Buch erfolgreicher unter einen Hut.

Sie üben zwei Berufe aus: Jurist und Schriftsteller. Was treibt Sie an?
Vielleicht kommt man der Wahrheit am nächsten, wenn ich versuche zu beschreiben, wie es dazu gekommen ist. Der Wunsch zu schreiben ist älter als die Juristerei in meiner Biografie. Ich habe als Schüler angefangen, sehr intensiv Literatur zu lesen. Mit 12 oder 13 hatte ich so eine Art Initiationserlebnis, als ich „Die wunderbaren Jahre“ von Rainer Kunze las. Das Buch hat von etwas gesprochen, von dem ich dachte, das will ich ausdrücken.

Wann wurde es konkret?
Mit 19 habe ich angefangen Gedichte zu schreiben und sie an den Wagenbach Verlag geschickt. Die Gedichte wurden abgelehnt, aber der Lektor hat mir einen langen, sehr ausführlichen freundlichen Brief geschrieben. Ich hatte damit das Gefühl, ich bin nicht völlig abgerutscht und mein Ehrgeiz war angestachelt.

Trotzdem sind Sie Jurist geworden. Warum?
Literatur, Philosophie, Gesellschaftswissenschaften haben mich interessiert, und gerade mit letzterem hat Juristerei ja zu tun. Auf der pragmatischen Ebene war die Juristerei das beste, nach dem Motto: Ich lern erst mal was Anständiges, wo ich eine Aussicht auf einen Job habe.

Was können Sie in dem einen Beruf, was Sie in dem anderen nicht können?
Juristische Texte versuchen möglichst genau und präzise zu sein in dem, was sie sagen. Der literarische Text erzeugt seine Wirkung gerade dadurch, was bewusst nicht gesagt wird.
Worum es mir beim Schreiben geht: Ist das eine gute Geschichte? Lässt sie sich gut erzählen? Ich möchte den Leser einfangen. Mein Ehrgeiz beim Schreiben richtet sich auf die Vorstellung, den Leser zu bezaubern.

Das Schreiben selbst ist schon die Kommunikation mit dem Leser?
Man stellt sich den Leser vor, nicht als konkrete Figur, aber als Resonanzboden. Man kennt sich ja selbst als Leser. Was einen beim Lesen berührt hat, will man in dem, was man selbst schreibt, auch wieder herstellen und hofft, dass der Leser das auch so empfindet.

Wie üben Sie Ihre beiden Berufe konkret aus?
Ich schreibe am besten, wenn ich einen festen Rhythmus einhalte. Mein Sohn geht um 8 Uhr in die Schule, meine Frau zur Arbeit. Zwei Stunden ohne Ablenkung, ohne Telefon. Bis zehn Uhr schreibe ich. Dann gehe ich ins Büro.

Klingt sehr simpel.
Es ist ein klares Muster, aber trotzdem kann es vorkommen, dass mir nichts einfällt, ich nicht weiterkomme, die Zeit einfach nur absitze. Einen Roman zu schreiben, hat ab einem bestimmten Punkt etwas sehr Handwerkliches.

Aber das kann doch nicht alles sein, oder?
Natürlich nicht. Die schönsten Momente sind die, wo man den Eindruck hat, es verselbstständigt sich etwas in einem. Es ist ein Moment absoluter Freiheit. Man bewegt sich in einer Art perfektem Raum, wo man, wenn man nur noch auf eine innere Stimme hört, die Geschicke bewegen kann. Man kommt in eine ganz offene Wahrnehmung hinein, und dabei fallen einem die meisten Dinge ein. Es hat nichts mit Kontrolle zu tun, sondern mit Kontrollverlust, der einem erlaubt, zu schauen, was kommt.

Das Gegenteil von dem, was in der Juristerei abläuft.
Deshalb meine ich, dass die beiden Bereiche nur im oberflächlichen Sinne etwas miteinander zu tun haben. Das Medium ist das gleiche, die Sprache. Mehr nicht.

Mit 19 haben Sie Ihre Gedichte eingereicht. 19 ist der Held Ihres neuen Romans, der Schriftsteller werden will. Was verbindet Sie mit diesem jungen Mann?
Sehr viel. Nicht im autobiografischen Sinne, aber in der Hinsicht, was jeder 19-Jährige kennt: dass er den Eindruck hat, er ist noch nicht zu Hause in der Welt, und dafür denjenigen die Schuld gibt, die am nächsten sind: Eltern, Geschwister, Lehrer, Nachbarn.

Ich hatte als Jugendlicher immer die Vorstellung, dass es mir helfen könnte, diesen Zustand zu überwinden, indem ich Geschichten schreibe. Die Figur des Marcel ist ganz klar eine Referenz an diese Zeit. Das Schreiben wurde für mich die Verbindung zur Welt.

Das heißt, Sie schreiben in diesem Roman Ihr erstes Buch?
Das Gefühl hatte ich wirklich. Ich glaube, dass ich mit diesem Roman etwas zum Abschluss gebracht habe. Eine bestimmte pubertäre oder postpubertäre Trotzhaltung. Bei meinen bisherigen Büchern habe ich immer gegen etwas angeschrieben. Es sind Figuren, die ich mir vom Leib geschrieben habe. In „Lichtenbergs Fall“ ein bestimmter Typus des Juristen und Jurastudenten, in „Alles was zählt“ den Karrieristen schlechthin. Bei diesem Buch ist es plötzlich anders. Denn dieser Erzähler, den ich mir geschaffen habe, kann seine Umgebung sehr gut beobachten, aber er gibt keine Urteile ab.

Ihr Roman spielt in der Welt der Schönen und Reichen, „Im Himmel“, wie der Titel suggeriert.
Die Gesellschaft der Neureichen und nicht mehr ganz so Neureichen, die in dem Buch beschrieben wird, habe ich gewählt, weil die Welt, in der sie leben, viele Kriterien erfüllt, die man gesellschaftlich als Leitvorstellungen hat: Villa am Starnberger See, Geld bis zum Abwinken usw. Auf dieses Weltmodell spielt dann ja auch alles an: Der Ort heißt Welting, vorne die Welt, hinten das leicht provinzielle „ing“ im Bayerischen oder Oberbayerischen. In diesem Weltmodell sind diese Wohlhabenden die Gewinner. Die spannende Frage ist ja nun: Was kommt, wenn die ganzen materiellen Bedürfnisse auf eine so offensichtliche Weise befriedigt sind, dass man sich nichts mehr wünschen kann? Wie kommen diese Leute mit der Frage zurecht: Was soll ich mit meinem Leben tun?

Diese Frage stellt sich für einen 19-Jährigen viel dringender als für jemanden, der sich in seinen Verhältnissen arrangiert hat.
Diese jungen Leute sind überfordert von Freiheit, überfordert von Freizeit. Marcel erkennt, dass er Teil dieser Gesellschaft ist und zugleich weiß er, dass er ihr entkommen möchte. Für den Moment kann er nur beobachten und beschreiben. Er weiß noch nicht, was er entgegensetzen kann. Das entwickelt sich erst im Laufe des Lebens. Und das ist sicher nicht mehr Geld, nicht mehr Autos, das sind andere Werte.

Welche können das sein?
Marcel setzt einen Schlusspunkt unter die Betrachtung dieses sozialen Milieus, das eben noch seins ist, indem er sagt: „Es ändert sich ja nie etwas, egal, was passiert.“ Ob jemand heiratet oder zu Tode kommt. Es gibt dort keine Notwendigkeit zur Veränderung. Und deshalb gibt es in dieser Gesellschaft keine echten Veränderungen. Das aber hat er immerhin erkannt, und das ist auch seine Chance.

Was fehlt den jungen Menschen in einer solchen Gesellschaft?
Sie haben das Gefühl, dass es völlig irrelevant ist, was sie tun. Denn das Ausmaß an Leere und Unausgefülltheit, das alle empfinden, ist sehr schwer zu ertragen. Die Jungen glauben nicht, dass es einen großen Unterschied macht, ob sie brav jeden Tag zur Arbeit gehen und dem ohnehin reichlich vorhandenen Geld noch etwas hinzufügen oder am Pool abhängen und Spaß haben. Nur dass dieser Spaß so teuer erkauft ist. Sie wissen es bloß noch nicht.

Haben ihnen die Eltern alles weggenommen?
Das ist der gesellschaftliche Anknüpfungspunkt, der mich interessiert: Wie verhalten sich die Menschen, die so eine lange Wohlstandsperiode erlebt haben, und wie gehen sie mit ihrem Sinnproblem um. Jemand, der gerade den Krieg hinter sich hat und froh ist, mit dem Leben davonzukommen, ist mit so vielen Dingen von unmittelbar einsichtiger Notwendigkeit beschäftigt, der muss sich über Sinnfragen keine Gedanken machen.

© Irene Nießen, 2003

Georg M. Oswald: „Im Himmel“
Rowohlt, 2003

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