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Im Gespräch mit Christoph Ransmayr (2006)

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Der Sucher

Halbnomade ist er und Reisender. Unterwegs mal in Brasilien, mal im Himalaya, die Wohnsitze wechselnd zwischen Wien und der rauen Südwestküste Irlands. Christoph Ransmayr, ein Dichter in Bewegung, in seinem Leben, in seinem Werk. Sein neuer Roman trägt den Titel „Der fliegende Berg.“

Sein erster Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (1984) erregte Aufsehen. Nicht allein wegen des Titels, sondern wegen der atmosphärischen Bilder und der poetischen Sprache, mit der Christoph Ransmayr die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition von 1872 bis 1874 in Szene setzte. Sein nächster Roman führte ihn weit in die Geschichte zurück, bis in die „Die letzte Welt“ (1988), nach Tomi am Schwarzen Meer, wohin der römische Dichter Ovid bis zu seinem Lebensende verbannt wird. Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt, der Autor als literarische Sensation ohnegleichen gefeiert. Preise, Auszeichnungen, Ehrungen folgten. Christoph Ransmayr arbeitet sieben Jahre in seinem eigenen, langsamen Tempo an „Morbus Kitahara“ (1995), das Schreiben immer unterbrochen durch Recherchen und Reisen. In den elf Jahren seitdem hat Ransmayr sich kurzen Arbeiten zugewandt. Etwa der Selbstbefragung „Geständnisse eines Touristen“ oder dem Theaterstück „Die Unsichtbare“. Spielformen des Erzählens hat er erprobt, die inzwischen zu einer sechsbändigen Reihe angewachsen sind.
Zum Gespräch treffen wir uns in Wien. Reden über seinen Roman „Der fliegende Berg“, in dem er die Geschichte zweier Brüder erzählt, die im heutigen Irland leben und sich auf den Weg nach Osttibet machen, weil sie dort einen Berg zu finden hoffen, den es auf keiner Landkarte gibt. Auf der Suche nach diesem weißen Fleck und in der Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur begegnen sie sich selbst, der Liebe und dem Tod.

Welcher Obsession folgen die Brüder?
Die beiden folgen Zielen, die vielleicht zu keiner Zeit anderswo zu finden waren als im Kopf. Seit die Erdkruste bis auf die Bogensekunde vermessen ist, sind die – aus europäischer Sicht – ehemals weißen Flecken der Weltkarte ja mit neuen Namen überklebt. Einer der Brüder, Liam, der Kartograf, weiß ja, dass kein unentdeckter Neuntausender und kein weiterer Achttausender mehr zu finden sind, trotzdem ist er bereit, sich auf den Weg zu machen, denn VERMESSEN heißt ja noch lange nicht: bekannt, begangen, erfahren …

Haben wir es deshalb mit einem fliegenden Berg zu tun?
Ein Berg, der fliegt, kann auch ein Bild für die Tatsache sein, dass nichts in der Welt sich ein für alle Mal festnageln lässt, weder auf einen geografischen noch auf einen ideologischen oder spirituellen Fixpunkt. Wenn die Nomaden meinen beiden Brüder sagen, dass uns nicht alles beliebig zur Verfügung steht, berufen sie sich aber durchaus auch auf eine Erfahrung, die jeder machen kann – wenn er etwa ein von Nebelbänken halbiertes Gebirge betrachtet, dessen untere Hälfte sich in einer blauen Ferne verliert, während die Gipfel und Gletscher über den Wolken zu schweben scheinen.

Das Motiv des Wandelbaren taucht bereits in Ihren früheren Romanen auf. In „Die letzte Welt“ heißt es: „Niemandem bleibt seine Gestalt.“
Das ist doch bloß eine Tatsache. Meine Geschichten enthalten eben immer auch Variationen einer Grunderfahrung, etwa der, dass, was ist, nicht bleiben kann.

Eine Binsenweisheit …
… aber eine, die uns immer wieder dem Unerreichbaren, Fernsten entgegentreibt. Denn wie oft möchten wir, dass es anders wäre: Den Vater meiner beiden Brüder plagt zeitlebens die Sehnsucht nach einem unverrückbaren Ort unter einem unverrückbaren Himmel, einem Ort, an dem er ein für alle Mal geborgen, aufgehoben, unverwundbar, unsterblich sein soll. Alles, was wir erfahren, spricht gegen einen solchen Ort zu Lebzeiten, aber die Sehnsucht ist ungebrochen. Und Fergus, der Vater, findet diesen endgültigen Ort schließlich auch – auf dem Friedhof von Glengarriff.

Die Geschichte spielt im heutigen Irland und in Osttibet. Was verbindet Sie mit diesen Plätzen?
Ich habe die letzten zehn, elf Jahre an der Südwestküste Irlands gewohnt, habe auf einer von vielen Reisen in dieser Zeit auch Osttibet durchquert und bin dabei immer ein Pendler zwischen der Küste und dem Gebirge geblieben. Weil jede Höhe als „Meereshöhe“ gemessen wird, entstand unterwegs irgendwann die Vorstellung, den Weg ins Gebirge einmal in seiner ganzen Länge zu beschreiben: also von der Atlantikküste bis in die Wolken, auf den Gipfel. Dieser Weg ist ja immer auch eine Zeitreise: Je höher man aufsteigt, umso tiefer gerät man in die Vergangenheit zurück, weil die meisten Hochgebirgslandschaften sich einem Fußgänger der Gegenwart nicht anders präsentieren als vor Hunderttausenden Jahren, jenseits aller kulturgeschichtlichen Zeiträume.

Führen archaische Landschaften zu Grundfragen der menschlichen Existenz?
Das können Städte und jede andere Landschaft auch, aber in entlegenen Gebieten, Randgebieten der Zivilisation, auch Wüsten werden für mich Wege oder das Schicksal des Einzelnen, archaische Geschichten, besser darstellbar, erzählbar.

Etwa die Geschichte von Kain und Abel?
Kain und Abel bewegen mich, seit mir unser Dorfpfarrer zum ersten Mal von ihnen erzählt hat. Nicht allein, weil diese Geschichte davon handelt, dass Brüder einander töten können, sondern dass Kain, der Mörder, auf die Frage von Jahwe, dem Allwissenden, „Abel, wo ist dein Bruder?“ mit einer ungeheuerlichen Chuzpe antwortet: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Diese Gegenfrage verbindet wohl die meisten Brudergeschichten miteinander. Auch davon wollte ich erzählen.

Sie sind mit Reinhold Messner befreundet, haben gemeinsam Expeditionen unternommen, auch in den Himalaya. In Ihrer Geschichte stirbt am Ende einer der Brüder in einer Lawine. Wieweit hat Sie Messners persönliche Geschichte um den Tod seines Bruders Günther beeinflusst?
Ich habe mit Reinhold oft über seinen Weg mit Günther auf den Nanga Parbat gesprochen und hatte vor Jahren den Gedanken, mich als Erzähler einmal ganz in den Dienst einer fremden Geschichte zu stellen und nichts, nichts! zu erfinden, nichts zu

behaupten, sondern den Weg der Messner-Brüder so vollständig darzustellen, wie er sich überhaupt recherchieren lässt. Aber davon habe ich mich sehr bald wieder entfernt und dann etwas ganz anderes zu erzählen begonnen, weil ich gemerkt habe: Das ist Reinholds Geschichte. Die kann und soll nur er erzählen.

Ihre Brudergeschichte unterscheidet sich von der biblischen insofern, als die Brüder in der wüsten Landschaft zueinander finden. Dann passiert das Unglück.
Der Widerspruch zwischen unserer absoluten, unüberwindbaren Sterblichkeit und der Sehnsucht, dass etwa das Glück, auch das Glück der Liebe, niemals enden möge -, führt uns ja in einen seltsamen Zwiespalt. Denn die Frage ist ja, wie wir denn von Glück oder Liebe reden können, ohne die Sterblichkeit aus unserem Bewusstsein zu verbannen. Die Brüder wachsen an diesem Widerspruch, jeder für sich. Sie, die aus der technisierten Welt Irlands ins Hochland von Tibet aufbrechen, um vielleicht einen namenlosen Berg zu finden, entdecken in der Auseinandersetzung mit der Fremde und dem Unbekannten das Gesuchte in sich selber.

Wie ist es Ihnen beim Schreiben gegangen, als Sie die Brüder in immer größere Höhen führten?
Es gibt eine Akklimatisierung nicht nur im höhenmedizinischen Sinn, sondern auch in der Welt der Gedanken. So wie man Berge fliegen sehen kann, kann man auch Urzeiten, archaische Zustände, höchste Gegenwart und sogar Zukünftiges zusammen erfahren – innerhalb eines einzigen menschlichen Lebens -, wenn man sich nur bewegt und aufhört, nach einem unverrückbaren Ort unter einem unverrückbaren Himmel zu suchen.

Was bedeutet das Reisen für Sie?
Ich habe das Reisen stets weniger als Abenteuer, sondern vielmehr als Besänftigung empfunden. Denn beim Reisen lässt man ja nicht nur Räume hinter sich, sondern auch Zeiten und Bewertungssysteme. Auch was meine beiden Brüder lernen, lernen sie in einer Welt, in der ihre – unsere – Werte kaum noch Bedeutung haben. In der Begegnung mit den Nomaden sind sie Lehrer und Schüler zugleich, auch wenn das vielleicht jetzt ein bisschen romantisch klingt.

Das Buch hat durchaus romantische Züge.
Eine romantische Absicht enthält ja wohl auch das Bedürfnis, im Lesen oder Erzählen eine Welt aufzusuchen, die etwas mehr Perspektiven bietet als die reale Welt. Dabei muss die Realität – im „Fliegenden Berg“ etwa der irische Bürgerkrieg, die IRA, die chinesische Besetzung Tibets und die Verwüstungen einer sogenannten Kulturrevolution – ja nicht ausgeklammert werden. Wenn wir Menschen wie den osttibetischen Khampas begegnen, spüren wir ja nicht nur unsere eigene Sehnsucht nach etwas Verlorenem, sondern merken umgekehrt auch deren große Sehnsucht nach unserer Welt – spätestens in dem Augenblick, in dem wir ihnen etwa unsere Ferngläser vorführen, unsere Diodenlampen und wunderbar leichten Kunststoffzelte …

Sie haben eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Form für die Prosa gewählt, den Flattersatz. Warum?
Der Flattersatz ist doch alles andere als ungewöhnlich, sondern eine sehr alte Textform. Selbst in Tageszeitungen sind doch Spalten, Block- und Flattersatz, Bildunterschriften und Textkästen oft in wüstem Durcheinander zu finden. Der Blocksatz, also eine Seite voll gleich langer Zeilen, ist ja nur die technisch ökonomischste von vielen Druckformen, aber keine Erzählform. Auch Romane werden in bestimmten, unverkennbaren Rhythmen erzählt – und meinen Rhythmus im Flattersatz sichtbar zu machen, als eine Art Partitur einer späteren Lesung, geschah auch in der Absicht, den Nachvollzug, das Lesen, nicht nur mir selber, sondern auch dem Publikum zu erleichtern.

Welche unmittelbaren Erkenntnisse haben Sie beim Erzählen gewonnen?
Dass – glücklicherweise – auch diese Geschichte ein Ende hatte und dass sie – wie jede andere Geschichte – nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Ohr braucht. Wenn ich vor Publikum etwa in einem dunklen Saal vorlese, erzähle – und spüre, dass die Menschen mir in die Räume, von denen ich berichte, tatsächlich folgen, dann habe ich plötzlich das Gefühl, tatsächlich einen Beruf zu haben und als Erzähler genau am richtigen Ort zu sein.

© Irene Nießen, 2006

Christoph Ransmayr: „Der fliegende Berg“
S. Fischer, 2006

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