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Im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki (2003)

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Der Dichtung eine Gasse

Sieben Fragen an Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki

Herr Reich-Ranicki, Ihre „Frankfurter Anthologie“ stellten Sie unter das Motto „Der Dichtung eine Gasse“. Braucht Lyrik heutzutage ein geschütztes Reservat, um (über)leben zu können?
Ich glaube nicht, dass man von einem „Reservat“ sprechen sollte. Aber Tatsache ist, dass Lyrik immer schon des Schutzes und der Förderung bedürftig war. Natürlich ist das auch heute der Fall. Eben deshalb gebe ich seit vielen Jahren die „Frankfurter Anthologie“ heraus (zunächst in der F.A.Z. und dann in Buchausgaben), die den Lesern zeigt, wie sich Gedichte verstehen lassen.

Als Sie die „Frankfurter Anthologie“ starteten, hatten Sie vom ersten Moment ein Langzeitprojekt im Sinn?
Insgeheim habe ich wirklich ein Langzeitprojekt im Sinn gehabt. Aber ich war gut beraten, damals, als ich die „Frankfurter Anthologie“ gegründet habe – es war 1974 –, nicht darüber zu reden. Denn man war in der F.A.Z. von vornherein skeptisch und hat an eine solche Rubrik, ausschließlich der Poesie gewidmet, nicht recht glauben wollen. Ein Herausgeber vermutete sogar, sie werde nach drei oder vier Beiträgen lautlos eingehen. Nun, es ist anders gekommen. Im Herbst wird die „Anthologie“ ein kleines Jubiläum feiern können: Die Zahl der in ihr enthaltenen Gedichte und Interpretationen wird dann 1500 erreicht haben.

Welches sind die Auswahlkriterien, nach denen ein Gedicht Aufnahme findet?
Die Gedichte werden entweder von mir ausgewählt oder von den Mitarbeitern der „Anthologie“ vorgeschlagen. Was wir für gut und interessant halten, kann in die Anthologie aufgenommen werden – vorausgesetzt freilich, dass es den Umfang von 42 Versen nicht übersteigt und sich in einer im Buchhandel erhältlichen Ausgabe findet. Andere Kriterien gibt es nicht. Allerdings kommen nur deutschsprachige Autoren in Frage.

Der am häufigsten interpretierte Dichter ist – wie nicht anders zu erwarten – Goethe, gefolgt von Brecht, Heine und Rilke.

Worauf führen Sie das dauerhafte Interesse an Lyrik zurück?
Vielleicht hat dieses Interesse damit zu tun, dass gerade die Lyrik den persönlichsten, den intimsten Bedürfnissen des Individuums entgegenkommt.

Zeichnet sich eine breite Renaissance der Lyrik ab?
Ich sehe keine Anzeichen für eine derartige Renaissance, leider, leider. Nach wie vor hält sich die Auflage guter, auch hervorragender Lyrikbände in bescheidenen Grenzen – und das ist nicht so verwunderlich. Gerade große Lyriker sind sehr schwierig – wie beispielsweise Paul Celan.

Muss ein Lyriker per se einen anderen Blick auf die Welt haben als ein Autor, der Prosa schreibt? Oder anders gefragt: Was kann Lyrik, was Prosa nicht kann?
Einen anderen Blick? Nein, nicht unbedingt, wohl aber andere Ausdrucksmöglichkeiten. Nicht Gedanken oder Gefühle unterscheiden die Lyrik von der Prosa, sondern vor allem die Form und die Sprache.

Welches Gedicht sollte jeder kennen?
Hier könnte ich viele Gedichte nennen, aber ich entscheide mich für das kürzeste, das es in der deutschen Literatur gibt. Es stammt von Erich Kästner und lautet:

„Es gibt nichts Gutes
außer: Man tut es.“

Und dann noch ein Gedicht von Goethe, das ich seit meiner Jugend besonders liebe – das Lied von Klärchen aus dem Drama „Egmont“. Es beginnt mit den Worten „Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein“.

© Irene Nießen, 2003

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