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Im Gespräch mit Harry Rowohlt (2004)

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„Ich erzähle mir selber was“

Das Publikum kennt ihn aus der Lindenstraße. Hörbuch-Fans lieben ihn als „Pu der Bär“. Zwölf Fragen an Harry Rowohlt.

Sie haben im Herbst 2003 das Platinhörbuch für 400.000 verkaufte Exemplare des Kinderbuchbestsellers „Pu der Bär“ von Alan Alexander Milne bekommen. Wir wirkt sich das aus?
Eine Mutter von vier Kindern schrieb mir, als sie Suppe servierte, fiel ihr der Deckel der Terrine hinein. Darauf sagten alle vier Kinder mit der Stimme von I-Ah: „Sehr amüsant, auf seine eigene stille Weise.“

Sie sprechen alle Tierrollen selber. Wie halten Sie den Zoo auseinander?
Man muss sich irgendwie abgedrehte Stimmen ausdenken, die einigermaßen unterscheidbar sind. Bei I-Ah habe ich mich zu 80 Prozent bei dem deutschen Romancier Georg Lentz bedient und zu je 10 Prozent bei Hilde Knef und Peter Zadek. Und ich dachte, dass ist doch unerträglich chargiert, das kann man niemandem zumuten. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder den I-Ah lieben und Kapitel hassen, in denen er nicht vorkommt. Und Georg Lentz weiß das auch. Wenn er nach Deutschland kommt, versammeln sich immer Kinder um ihn und glauben, er verberge sich hinter dem misanthropischen Esel. Bei Ferkel habe ich ein bisschen Otto Waalkes imitiert, was Kenner auch sofort heraushören. Dieses Gehetzt-Besorgte.

Welche Figur ist Ihnen die liebste?
Pu natürlich.

Was gefällt Ihnen am Vorlesen?
Den Leuten gefällt es, und das gefällt dann wiederum mir. Ich finde ja auch gar nicht, dass ich es so gut kann, ich finde nur, dass viele es noch sehr viel schlechter können. Und dann mache lieber ich es.

Hören Sie selber?
Musik ja, aber keine Sprechplatten. Wenn ich mal zu Hause bin, muss ich übersetzen und kann mir kein Gequatsche anhören. Eigentlich auch keine Musik. Eigentlich gar nichts. Und in der Eisenbahn, wo ich am zweithäufigsten bin, eigentlich häufiger noch als zu Hause, lese ich.

Sie sprechen, aber hören nicht selber?
Genau. Da ich weder Auto fahre noch bügle, weiß ich nicht, wann ich das machen soll.

Was ist denn Ihr Hauptgeschäft, das Vorlesen oder das Übersetzen?
Dass ich über die Käffer tingle und laut und mit Betonung vorlese.

„Schausaufen mit Betonung“, haben Sie neulich gesagt.
Ich lese natürlich hauptsächlich in Hallen mit Gastronomie. Und ich bin da nicht der Einzige, der säuft. Außerdem trinke ich vor der Pause eigentlich immer nur ein Bier und steig erst in die harten Sachen deutlich nach der Pause ein.

Dann mit Zugabe?
Meine Lesungen sind eigentlich so lang, dass alle froh sind, wenn sie wegdürfen.

Und wie halten Sie die Leute bei der Stange?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei Erwachsenen die Aufmerksamkeitsspanne nicht länger ist als bei Kindern, nämlich maximal zweieinhalb Minuten. Deshalb muss man immer was machen. Spätestens nach drei Minuten das Publikum erschrecken. Meine Improvisationen, bei denen ich seltsamerweise immer wieder den Faden finde, sind eiskaltes Kalkül. Sie können die Uhr danach stellen. Die Kieler Nachrichten nannten mich mal den „Paganini der Abschweifung“.

Auch wenn Sie nicht hören: Welches ist Ihr Lieblingshörbuch?
Also wenn Sie darauf abheben, welche von mir selbst vollgequatschten Hörbücher mir gut gefallen, sind die Einzigen, die ich mir hin und wieder selbst anhöre, meine Ringelnatz-CD „Ich hatte leider Zeit“ und „Raufgefallen“ von Shel Silverstein.

Sie erzählen sich selber was?
Ja. Aber ich finde es befremdlich, dass ich mir das mit so großem Genuss anhöre.

© Irene Nießen, 2004

Harry Rowohlt liest „Pu der Bär“
Kein & Aber, div. Titel, Sonderedition 2006

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