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Im Gespräch mit Rüdiger Safranski (2004)

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Schillernd

Am 9. Mai 2005 jährte sich der Todestag von Friedrich Schiller zum 200. Mal. Was macht seine Faszination für heutige Leser aus? Ein Gespräch mit dem Schiller-Biografen Rüdiger Safranski.

Ihr Buch leitet eine Art Schiller-Renaissance ein. Warum entsteht 200 Jahre nach seinem Tod dieser Hype?
Es war mir klar, dass in Schiller ein unglaubliches Potenzial steckt. Das Problem war, dass Schiller im 19. Jahrhundert einen solchen Überruhm hatte, dass es wohl drei Generationen bedurfte, um wieder einen freieren, unbefangeneren Zugang zu ihm zu bekommen. Denn Schiller ist zusammen mit Goethe das Zentralgestirn in dieser immer noch größten Epoche in der Geschichte des deutschen Geistes. Es ist diese Zeit um 1800, Klassik, Romantik, deutscher Idealismus, es sind diese 30 Jahre, wo sich die Genies in einer kaum erklärbaren Weise häuften.

Warum haben Sie sich unter diesen Genies gerade Schiller ausgewählt?
Eigentlich wollte ich dieses goldene Zeitalter auf die Bühne stellen, mit Schiller als strategischer Figur. Bei der intensiven Beschäftigung mit Schiller hat dieser Kerl mich wirklich über den Tisch gezogen, und es ist eine richtige Biografie geworden.

Was genau hat Sie gefangen genommen?
Schiller ist ein Enthusiast der Freiheit. Das ist nun ein abgegriffenes Wort. Aber ich will es erklären: Schiller war begeistert von der französischen Revolution und dann enttäuscht von dem Terror. Also entwickelt er ein Konzept, wie Menschen freiheitsfähig werden. Er entwickelt sein Programm, das da heißt: Der Mensch ist erst da ganz Mensch, wo er spielt. Die Kultur muss den Menschen freiheitsfähig machen, damit er es auch politisch sein kann. Schiller war der Erste, der begriffen hat, dass das Betriebsgeheimnis der Zivilisation mit dem Spiel zusammenhängt. Was ist Zivilisation? Möglichst viele Ernstfälle in spielerische Formen zu übersetzen, um ihnen die Gewalt zu nehmen und sie zu etwas Humanem zu machen. Das Spiel ist ein Instrument, um unsere gefährlichen Seiten zu zivilisieren. Es ist die existenzielle Freiheit, um die es bei Schiller geht. Deshalb nenne ich ihn den Jean-Paul Sartre des 18. Jahrhunderts.

Wie hat er diese existenzielle Freiheit gelebt?
Schiller war ein sehr kranker Mensch. Und er wusste es, denn er war ja selbst Arzt. Er wusste von seiner Befristung, er wusste, dass er eigentlich jeden Tag dem Tod abkämpfen musste. Er wusste, er musste mit dem Geist, mit Begeisterung aus dieser sterblichen Lebensmaterie etwas machen. Er musste sich motivieren, auch gegen die ständige Todesangst.

Das wäre doch eigentlich ein Grund gewesen, depressiv zu werden.
Schiller hatte Momente der Depression, Gefühle der großen Vergeblichkeit, des Nihilismus. Das hat er ja auch theoretisiert. Schiller war ein Mensch der letztmöglichen Klarheit, und so hat er auch diese Gefühle mit aller Schärfe formuliert, hat eine ganze Philosophie daraus gemacht und sie auch selbst widerlegt.

Als eine Art Selbsttherapie?
Er war in einem ganz handfesten Sinn sein eigener Therapeut. Als Mediziner hat er sich selbst Rosskuren verschrieben und sich in großen Dosen Chinin verabreicht, also praktisch auch Drogen genommen und damit experimentiert. Aber er war Therapeut auch in einem höheren Sinne. Im „Wallenstein“ gibt es den berühmten Satz: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Bei Schiller ist das ziemlich wörtlich zu verstehen. Ihm war klar, er muss geistvolle Mittel anwenden, um sich selber in Schwung zu bringen. Das ist die Quelle seines Enthusiasmus.

Die Macht des Geistes …
Für Schiller war Macht jenseits der zeitgeschichtlichen Prägung durch Napoleon etwas ganz anderes: die Macht der Freiheit. Die Macht also zum Beispiel über den eigenen Körper. Die Macht zum Beispiel über das eigene Schicksal.

Also reiner Individualismus.
Dieser Gedanke ist von Schiller ausdrücklich formuliert worden. Was bleibt uns? Was kann der Sinn unseres Lebens sein? Antwort: Der Sinn ist, sich selbst zu einer Person zu machen. Zu einer Persönlichkeit.

Wenn wir diesen Gedanken auf heute übertragen …
… ist er unheimlich modern, besonders dann, wenn man sich in unserer Bildungsdebatte einmal klar macht, dass man regelmäßig Bildung und Ausbildung verwechselt. Ausbildung bedeutet, funktionstüchtig zu machen. Aber Bildung war immer schon – besonders seit dem deutschen Idealismus – zugleich die Bildung einer Person, also Selbstzweck. Ausbildung ist Mittel zum Zweck. Es lohnt sich, sich als Person zu bilden, damit man nicht von sich selbst gelangweilt wird, es lohnt sich, sich selbst zu bilden, damit man mit sich selbst befreundet bleiben kann, damit man nicht in ein Loch fällt, Bildung, um zu leben. Vergessen wir nicht: Ein Mensch, der hohl ist und leer, kann sehr schnell zur tickenden Zeitbombe werden, für sich und für andere …

Wenn wir über Schiller reden, müssen wir über Goethe reden. Und über Freundschaft. Und über Konkurrenz.
Es beginnt mit der Konkurrenz, und zwar von beiden Seiten. Goethe kommt 1788 aus Italien nach Weimar zurück und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass Schiller in aller Munde ist. Schiller war der Shootingstar. Den hielt er sich erst mal vom Leib. Schiller seinerseits fand: Dieser große Goethe, ruht so sehr in sich selbst, ist ein von der Natur glücklich behandelter Mensch mit guter Familie, gutem Aussehen und guter Gesundheit. Auch von Schillers Seite bestand ein Ressentiment.
Wie das allmähliche und gemeinsame Wegarbeiten der lästigen Konkurrenz und ihre Überführung in Produktivität gelingt, das ist das Aufregende an dieser Freundschaft. Schiller hat Goethe angetrieben, motiviert, angestachelt, gefordert. Goethe war manchmal ein bisschen bequem, aber von diesem Schiller ließ er sich das gerne gefallen. Später in der Freundschaft wird es so sein, dass Schiller die Rolle des Mannes und Goethe die Rolle der Frau einnimmt. Die größere Hingabe brachte Schiller Männern entgegen und nicht Frauen.

Schiller neu entdecken, Schiller überhaupt entdecken – wo fangen wir an?
Mit dem Erzähler Schiller: Es gibt die geniale Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, der Ursprung des Kriminalromans, ein unglaubliches Stück. Dann Schiller der Historiker: Er schreibt die schönste Prosa, die in Deutschland in den letzten 200 Jahren verfasst worden ist. Die Andacht vor der Sprache selbst, das lernt man bei Schiller. Den „Dreißigjährigen Krieg“ und „Abfall der Niederlande“ muss man lesen, laut lesen – um zu merken, was das für eine Kunst der Geschichtsschreibung ist. Drittens: Schiller als Theoretiker der Gesellschaft und der Kunst. Als Philosoph ist er eines der größten Genies, die wir im 19. Jahrhundert überhaupt gehabt haben. Schiller hat in den „Ästhetischen Briefen über die Erziehung des Menschengeschlechts“ die beste und klarste Theorie über das Wesen der Kunst und der Gesellschaft, die die Kunst betreibt, entwickelt. Sodann: Schiller und die Balladen. Als Lyriker finde ich jedoch Goethe größer. Und dann und vor allem: Schiller ist der absolut perfekte Theaterautor, ein deutscher Shakespeare. Das wird man dann merken, wenn die Regisseure endlich Schiller inszenieren und nicht nur sich selbst.

Worin liegt seine Modernität?
Zum Beispiel im „Wallenstein“. Ein Stück über das Wesen der Macht im beginnenden Zeitalter der Massen. Es geht um politische, um charismatische Macht, welche die Wünsche, Ängste und Phantasien der Massen auf sich zieht. Wie einer aus dem Nichts, vom kleinen böhmischen Adel in den europäischen Himmel aufsteigt, so wie Napoleon – Schiller schreibt dieses Stück ja während Napoleons Aufstieg –, also ganz nach oben kommt, alle in seinen Bann zieht, abzurutschen beginnt und allmählich alle mit hinunter zieht. Das ist dieser ungeheuere Spannungsbogen. Um Macht als Selbstzweck, darum geht es. Um den Willen zur Macht – darum dreht sich alles. Das hat Nietzsche erkannt, und vor ihm – Schiller. Deswegen hat dieses Stück so shakespearesches Format. Weil es ein wesentliches Element der Conditio humana beschreibt.

© Irene Nießen, 2005

Rüdiger Safranski: „Friedrich Schiller oder die Erfindung
des Deutschen Imperialismus“, Hanser, 2004

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