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Im Gespräch mit Frank Schätzing (2006)

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„Wir sind immer noch Höhlenmenschen“

Sein Büro in der Kölner Innenstadt ist praktisch: kein spektakulärer Blick, der ablenkt. Schreibtisch, Klavier, Tonstudio. Und Bibliotheken in der Nähe. Die Welt des Frank Schätzing ist überschaubar. Von hier aus startet er seine Zeitreise durch die Meere. Der Autor des Megasellers „Der Schwarm“ über seine Freude an der Wissenschaft, seine Lust am Forschen und Fabulieren.

Mit Ihrem Wissenschaftsthriller „Der Schwarm“ haben Sie ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Hat Sie das überrascht?
Das Ausmaß schon. Andererseits wusste ich Ende der 90er-Jahre, dass das Thema Meer Anfang dieses Jahrtausends ein Megathema werden würde.

Woher?
Wenn man sich viel mit der Welt beschäftigt, sieht man, welche Entwicklungen sich abzeichnen. Beim Meer war es insofern logisch, als die ozeanische Forschung erst mehrere Jahrzehnte alt ist. Nach dem Krieg hat man zwar viel geforscht, allerdings steckte die Dokumentation noch in den Kinderschuhen. Die ersten professionellen Filmaufnahmen verdanken wir Cousteau. Erst Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre waren wir technisch soweit, das geheimnisvolle Universum Ozean mediengerecht aufzubereiten.

Sie haben nun thematisch nachgelegt – mit einem Sachbuch über die Evolution.
Ich wollte einfach mal aufschreiben, was mich seit jeher bewegt, die Geschichte unserer Meere, unserer Herkunft. Und zwar so, dass es Spaß macht. Keine staubtrockene Naturwissenschaft, stattdessen Spannung, Faszination, Humor. Andererseits ging es mir um Versachlichung, wo zu viel gemenschelt wird.

Ein Beispiel?
Nehmen wir exemplarisch den Begriff Naturkatastrophe: Katastrophe ist eine Wertung, falsch und missverständlich. Ein Erdbeben, ein Tsunami, ein Vulkanausbruch, das sind erst einmal Naturereignisse. Mit katastrophalen Folgen, unbestritten. Aber wir kämen weit besser mit der Natur zurecht, wenn wir solche Vorgänge als vertraute Angewohnheiten unseres Planeten betrachten würden. Wir dürfen nicht jedes Mal so tun, als sei das Undenkbare eingetreten. Katastrophe, das impliziert die Ausnahme, das Ungeheuerliche, das Fatale. Aber Naturereignisse sind die Regel, sie sind alltäglich, man kann sich auf sie einstellen wie auf das Schnarchen des Ehepartners.

Was glauben Sie, wie die Wissenschaftler auf Ihr Buch reagieren?
Nach allem, was ich höre, positiv, sie haben mich ja vielfach bei der Arbeit unterstützt. Wichtig in einem solchen Buch ist natürlich, dass die Facts stimmen, und zwar beinhart. Und dafür ist gesorgt. Was erzählt wird, spiegelt die Tatsachen bzw. die aktuellen Theorien, wo wir keine Evidenz haben. Meist versuche ich, Themen einzukreisen, so wie sich auch die seriöse Wissenschaft als Kunst der Annäherung versteht. Beispielsweise die Frage, was das Sauriersterben nun eigentlich ausgelöst hat: immer noch nicht hinreichend geklärt. Also verkaufe ich nicht das 100.000ste Dogma, sondern sage: Es gibt keine definitive Erkenntnis, nur ein Wahrscheinlichkeits- spektrum. Und das zeige ich auf.

Heißt das, die Wissenschaftler haben mit Ihnen eine Art populäres Sprachrohr gefunden?
Ich beobachte und begleite die Forschung, bündele die Themen, bereite sie auf und bringe sie einer großen Öffentlichkeit nahe. Insofern lautet die Antwort: ja.

Nun geht’s bei Ihnen manchmal zu wie in der „Feuerzangenbowle“. Selbst Lehrer Bömmel wird zitiert.
Dat is der mit der Dampfmaschin. Die Frage ist: Wie erklärt man das große Ganze? Die guten Lehrer haben schon immer mit Gleichnissen gearbeitet: seit der Bibel die allerbeste Kommunikationsform. Um ehrlich zu sein, ich war als Schüler ein ziemlicher Schafskopf, eigentlich waren wir das alle. An tausend Sachen interessiert, nur nicht am Unterricht. Man musste uns schon zu packen wissen. Mich kriegte man immer mit Gleichnissen, mit guten, spannenden Vergleichen. Warum sollte das bei Erwachsenen anders sein? Wir werden täglich mit Informationen überschüttet, aber Menschen sind nun mal keine Computer. Wir sehnen uns zurück nach einfachen vergnüglichen Erklärungen, wie in der Kindheit. Darum ist „Nachrichten aus dem unbekannten Universum“ vor allem ein lustiges Buch geworden.

Man hat sogar das Gefühl, dass Ihnen bei diesen humoristischen Ausflügen zuweilen die Gäule durchgingen.
Oh ja! Ich habe mich beim Schreiben manchmal gefreut wie ein kleiner Junge. Und hatte dann jedes Mal das Gefühl, mir in dem Buch selber zu begegnen: Der erwachsene Frank Schätzing und der kleine Frank, der dem großen zuhört. Die Spaß miteinander haben. Also dachten wir uns, wenn wir beide so viel Spaß an der Sache haben, haben andere den vielleicht auch beim Lesen.

Orientiert sich Ihre stilistische Herangehensweise an Amerika?
Definitiv. Ich bin der Meinung, dass die Amerikaner uns in der Aufbereitung von gehobener Unterhaltung voraus sind. Ich glaube allerdings, sie haben sich die Frage nie gestellt, ob es statthaft ist, E und U zu vermischen. Sie tun es einfach. Ich habe meinerseits nie darüber nachgedacht, ob ich eher deutsch oder amerikanisch oder sonstwie schreibe. Andere machen mich auf so was aufmerksam.

Wenn Sie den Pfad der Evolution abstecken, wo würden Sie die wichtigsten Pflöcke einschlagen?
Außerhalb der Erde. Ohne den Mond wäre das Leben auf der Erde womöglich nie entstanden. Der Mond bildete sich, als die Erde mit einem Planeten namens Theia zusammenrasselte, vor einigen Milliarden Jahren, und mit ihm verschmolz. Durch diese Kollision geschah zweierlei: Zum einen wurde der Erde Masse hinzugefügt, sie wurde schwerer und konnte ihre Atmosphäre besser an sich binden. Zum anderen klumpten sich in der Umlaufbahn Trümmer zusammen. Seitdem haben wir einen Mond. Er bewirkte, dass sich die Erde langsamer drehte, vor allem aber unterwarf er die Meere Ebbe und Flut. Gezeiten entstehen zwar auch durch die Sonne, aber wesentlich schwächer. Durch Ebbe und Flut wurden nun reichlich Sedimente von den Kontinenten gewaschen, Nährstoffe, Mineralstoffe, Lebensbausteine ins Meer transportiert, das Wasser ständig durchmischt. Das hat dem Leben Vorschub geleistet.

Der nächste Pflock?
Die Erfindung des Zellmantels.

Ein Accessoire, dass Sie Miss Evolution an die Hand geben.
Stimmt. Für den Zellmantel habe ich als Bild die Handtasche gewählt. Damit alle diese kleinen Bestandteile in der Zelle nicht auseinanderfallen und sich im Meer verteilen.

Wir stellen uns also die Evolution als eine Dame vor, mit Handtäschchen. Und plötzlich sind wir im 21. Jahrhundert und folgen Ihren philosophischen Betrachtungen über die Handtasche an sich. Solche Abschweifungen gönnen Sie sich öfter. Welcher Teufel reitet Sie hier?
Keiner. Das sind die Entspannungsinseln, die man in einem Sachbuch braucht. In einer Filmdokumentation geschieht so etwas über die Bilder. Da hält der Sprecher einfach manchmal den Mund, und es werden nur fantastische Filmaufnahmen gezeigt und tolle Sounds eingespielt. In einem Sachbuch ist man hingegen ständig mit Informationen befasst, ein unablässiges Blabla, du musst dies lernen und dir das merken. Anstrengend. Also machen wir öfter mal Urlaub, wobei diese kleinen Spaßurlaube eine Menge mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Bloß so, dass man mitten im breitesten Grinsen plötzlich feststellt: Hoppla, ich hab’s begriffen.

Gut, dann zum nächsten Pflock bitte.
Der Weg vom Einzeller zum Vielzeller. Dann die Erfindung der Hartschalen. Dass man plötzlich begonnen hat, dem Wasser Kalk zu entziehen und Zangen und Scheren zu bilden, später Wirbelsäule und Knochen, hat das Leben enorm vorangebracht. Es sind ja im Prinzip zwei Sorten von Wesen entstanden: die einen, die ihre Knochen außen tragen und damit ihr weiches Innere schützen und die anderen, die außen weich und flexibel sind und die Knochen nach innen verlagert haben, um der schlabberigen Angelegenheit Halt zu verleihen. Ohne diese Entwicklungen wäre höheres Leben kaum vorstellbar.

Sie schreiben, dass die Menschen nie begreifen werden, welchen Platz im Katalog des Lebens sie innehaben, wenn sie nicht das gesamte Spektrum des Lebens in Relation zueinander setzen. Überschätzen die Menschen, evolutions- geschichtlich betrachtet, ihre Bedeutung?
Absolut. Im Meer zum Beispiel finden Sie Arten, die aus ganz unterschiedlichen Zeitaltern stammen. Wir haben da den Hai, einen der ältesten Fische überhaupt, dann den Wal, ein relativ junges Tier, wir haben Korallen, die mit zu den ältesten Lebewesen überhaupt gehören usw. Das ist ein Nebeneinander, kein Nacheinander. Doch wir neigen zu einer verzerrten Weltsicht, dass nämlich, was an Neuem entsteht, das Alte verdrängt. In Wirklichkeit bewohnen wir diesen Planeten mit einer Unzahl unterschiedlichster Spezies. Sie sind alle noch da und zum Teil sehr viel bedeutender als wir. Immer noch leben wir im Zeitalter der Bakterien, der erfolgreichsten Lebensform der Geschichte. So gesehen, nimmt der Mensch zumindest im ökologischen Sinne einen anderen Platz ein, als er gern innehätte.

Wie wirken sich die evolutionären Erkenntnisse auf Ihr Leben aus?
Na ja, man muss schon aufpassen, dass man nicht überall nur Risiken sieht. In der Erdgeschichte sind ja ständig Arten ausgelöscht worden, Erdbeben, Meteoriten, einer frisst den anderen, eigentlich eine Hölle. Man kann aber auch ganz gelassen sagen: Das Leben an sich ist riskant, also viel Spaß damit. Die Gefahr, dass mir La Palma auf den Kopf fällt, weil dort ein Vulkan explodiert, ist jedenfalls weitaus geringer, als dass ich morgens aus dem Haus gehe und vom Auto überfahren werde. Menschen haben allerdings mehr Angst vor Vulkanen. Großstädter entwickeln Phobien gegen Schlangen, Spinnen, Felshänge, aber nicht gegen Autos, Stromkabel und Revolver.

Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das ist unsere genetische Disposition.

Sind das unsere Gene als Höhlenmensch?
Genau. Wir sind immer noch Höhlenmenschen, nur mit Internetzugang.

© Irene Nießen, 2006

Frank Schätzing: „Der Schwarm“
Kiepenheuer & Witsch, 2004

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