MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Alice Schwarzer (2005)

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„Wir waren rebellisch!“

Alice Schwarzers Briefwechsel mit Barbara Maia dokumentiert eine innige Mädchenfreundschaft und das Ende einer wilden Jugend.

Angefangen hat alles mit dem 60. Geburtstag. Zu diesem lud Alice Schwarzer Menschen ein, mit denen sie einen Teil ihres Lebenswegs gemeinsam zurückgelegt hatte – so auch ihre beste Freundin aus Jugendtagen, Barbara. Fast 40 Jahre lang hatten die Frauen kaum Kontakt gehabt. Der Briefwechsel, der sich zwischen ihnen entspann, führt zurück in die 50er- und 60er-Jahre und zeigt eine Alice Schwarzer, die sich jenseits der Reduzierung auf Begriffe wie „knallharte Emanze“ und „Feministin“ durch Neugierde, politisches Interesse, Mut, Charme, Großzügigkeit und sehr viel Humor auszeichnet.

Nach vielen Jahren nehmen Sie Kontakt zu Ihrer ehemals besten Freundin auf. Sentimentale Anwandlungen, die sich mit steigendem Lebensalter einstellen?
Nein. Eher Neugier. Neugier auch auf mich selbst. Ich analysiere schon lange die Lebensläufe anderer. Und habe mir gesagt, so lange es die Menschen noch gibt, die mich eine Zeit lang begleitet haben, ist es interessant, die eigene Biografie zu überprüfen. Wie war das wirklich damals? Was war eigentlich? Was ist geblieben? Im Fall von Barbara und mir sind diese Fragen regelrecht durchdekliniert worden.

Zwei Perspektiven werden zusammengeführt. Jede beschreibt ihre Sicht, ihr Empfinden über die sechs Jahre dauernde Freundschaft zwischen 1957 und 1964.
Es ist ein radikal subjektiver Blick in beiden Fällen. Wie war das für dich? Was hast du damals empfunden? So entstand ein Puzzle, das mich zuweilen auch selbst überrascht hat. Dieser Dialog ist ein großes Geschenk für mich. Weil mir Dinge mitgeteilt wurden, die ich selber in der Klarheit nicht gesehen habe oder die vergessen waren.

Eine Entdeckungsreise ins eigene Ich?
Auch. Aber das Besondere an dem Briefwechsel ist, dass ich in meinem Erinnern nicht allein war. Durch die oft unterschiedlich erlebten und bewerteten Situationen ist mir auch noch mal deutlich geworden, wie wenig man sich selber trauen kann. Am Ende unseres Briefwechsels stand auch vor meinen Augen eine andere Alice da als vorher.

Ungehorsam, Mut, Rebellentum sind Eigenschaften, die Barbara an Ihnen als 16-Jährige bewundert. Ihre Briefe lesen sich wie eine verbürgte Autobiografie der Alice Schwarzer.
Nun, die Alice in den Augen von Alice sieht ja manchmal anders aus als die Alice in den Augen von Barbara – und vice versa. Für mich ist dieses Buch eines der aufregendsten meines Lebens, denn ich habe ja noch nie direkt über mich selber geschrieben. Und ich hätte es ganz sicher auch alleine nicht getan. Aber in dieser Korrespondenz, wo auf dieser Suche nach mir selbst ich eine Fragestellung und ein Gegenüber hatte, ist es so leicht und selbstverständlich gewesen.

Das klingt nach Selbsterkenntnis. Im Vorwort gehen Sie ja einen Schritt weiter, wünschen auch dem Leser Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Lässt sich Ihre persönliche Erfahrung verallgemeinern?
Selbstverständlich. Unsere Geschichte ist im Grunde prototypisch. Es geht um zwei junge Mädchen, die noch nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie haben eine sehr innige Beziehung zueinander und wollen zugleich aufbrechen und ausbrechen. Ich habe mich schon lange gefragt, warum ich diese beste Freundin, die jahrelang so zentral für mich war, irgendwann so sprachlos an den Rand geschoben habe.

Sind Sie der Antwort näher gekommen?
Ja. Es hatte natürlich viel damit zu tun, dass irgendwann die Männer im Leben einer Frau wichtiger sein sollen als die Frauen. Hinzu kam: Ich bin aus alten Verhältnissen geflüchtet, die mich eingeengt haben – Beruf, Gefühle, Männer – und sehr einsam zu neuen Ufern aufgebrochen. Das ist natürlich ein Egoismus, in dem Sinne, dass ich spürte, der Schritt ist für mich jetzt existenziell. Ich habe mein Leben in die Hand genommen. Da passte vielleicht auch Barbara nicht mehr rein. Wobei auch sie ihrerseits in unauflösbaren Zwängen steckte: Ich bin erst gegangen, als sie bereits schwanger war und dann geheiratet hat.

War es an diesem Punkt Egoismus oder war es Tragik, weil sie wussten, es ging nicht anders?
Es war beides. Barbara hat mir mal in dem Briefwechsel die Frage gestellt: Warum hast du mir nicht gesagt, dass das der falsche Mann für mich ist?

Was haben Sie ihr geantwortet?
Ich hätte nie gewagt, ihr das zu sagen. Sie war schließlich schon schwanger. Man darf nicht die Konventionen der Zeit unterschätzen. Ein uneheliches Kind war wirklich noch eine Schande. Heute sagen sich die Frauen, ich möchte beides, Beruf und Kinder. Das war damals noch nicht möglich. Wenn wir einen Beruf wollten, dann haben wir uns den praktisch gestohlen. Als ich mit 21 den Entschluss fasste, Journalistin zu werden und mir dafür die Voraussetzungen zu schaffen, stand ich damit ganz allein da. Ab dem Zeitpunkt allerdings habe ich dann mein Leben in die Hand genommen und es mit aller Konsequenz durchgezogen.

Trotzdem drängt sich beim Lesen der Briefe das Gefühl auf, Sie hätten ein bisschen vor sich hin gelebt.
Na klar, zwischen 15 und 21 ist man auf der Suche … Und gleichzeitig waren das wahnsinnig aufregende Jahre. Das war nicht nur Restauration und Wiederaufbau – das war auch Aufbruch. Rock ‛n’ Roll und Jazz, das neue Kino, die neue Literatur aus Amerika und Frankreich! Alles war wahnsinnig auf-

regend, und wir Nachkriegskinder hatten einen großen Hunger danach. Wir waren neugierig auf die Welt, leichtsinnig und rebellisch!

Um dann in traditionellen Mustern zu versinken.
Ich nicht, aber Barbara. Sie brauchte ein paar Jahre, bis sie sich aus der Lähmung einer ungewollten Ehe wieder befreien konnte. Aber das halte ich für sehr frauentypisch, bis heute. Eine Frau bekommt ungewollt, unvorbereitet ein Kind, sie heiratet, der Mann ist nett. Und trotzdem hat sie das alles gar nicht gewollt. Ich hingegen bin ja den konträren Weg gegangen. Ich habe die Dosis immer weiter gesteigert: Ich bin von Wuppertal nach Düsseldorf, von Düsseldorf nach München und von München nach Paris gegangen. Wobei das auch klassische Abenteuer-Etappen meiner Generation waren: Ein Jahr als Au-pair in Paris gehörte einfach dazu.

Noch mal zurück zum Anfang Ihres Briefwechsels. Was war der Auslöser?
Wir sind in diese Korrespondenz ganz spontan reingefallen. Da war dieser Satz von Barbara: Na, was gibt deine Blackbox frei? Wann haben wir uns das erste Mal gesehen, wann haben wir uns wirklich entdeckt? Da habe ich gedacht, na, du denkst, du weißt das besser? Ich zeig’s dir. Ich wusste, sie würde gerührt und beschämt sein, dass ich das alles noch en détail weiß. Und so war es.

Und wie kam es zu diesem konsequenten Briefwechsel, dieser Wiederbelebung einer längst vergangenen Freundschaft?
Wir haben nach ihrem ersten Brief angefangen, uns zu schreiben, und es ging dann flott so hin und her, weil wir so begeistert davon waren, uns wieder zu entdecken. Und weil wir beide so unendlich neugierig waren, uns auf unsere Spuren zu begeben. Das war der Punkt. Wir haben am Anfang auch mal telefoniert und fingen gleich an zu reden, und da habe ich gesagt: Wir sollten aufschreiben, was wir uns gerade erzählen. Nach einigen Briefen wurde mir klar, dass unsere Geschichte eigentlich etwas ist, was nicht nur uns beide angeht. Und ich habe Barbara vorgeschlagen weiterzumachen und gesagt: Es könnte ein Buch daraus werden.

Weil Sie etwas Exemplarisches beschreiben?
Ich bin überzeugt, dass unsere Kernfragen von damals absolut zu heute identisch sind. Und diese Briefe sind ja von 16- und 60-Jährigen zugleich geschrieben. Beim Schreiben lebten wir ja auch wieder in unserer Jugendzeit. Ich vermute, und darauf bin ich sehr gespannt, dass sich die heute 18-Jährigen in weiten Teilen unserer Sehnsüchte, Verzweiflung und Hoffnung wiedererkennen. Und ich bin ebenso gespannt darauf, was sie anders als wir empfinden.

Was haben Sie über sich erfahren?
Ich musste genauer nachdenken, als ich das sonst tue, mich erinnern. Aber ich habe auch durch die Briefe meiner Freundin viel erfahren. Etwa wie sie mich in der Klasse beschreibt. Als Klassenclown und Anführerin, ironisch, witzig, frech. Gut, ich hätte gesagt, der Sarkasmus, der Humor, das sind starke Elemente in meiner Familie und meinem Leben. Aber ich selbst hätte mich vielmehr als Außenseiter gesehen, einsamer. Ich war wirklich überrascht von Barbaras Alice-Bild.

Aber in Barbaras Beschreibung sind Sie so gar keine Außenseiterin.
Beides wird stimmen. Sie hat eben immer meine powervolle Seite gesehen.

Was ist mit dem Prädikat „Beste Freundin“? Gibt es im Leben immer eine beste Freundin?
Ich glaube, diese Art von bester Freundin ist gebunden an die Zeit, bevor die Liebesbeziehungen in das Leben von Menschen treten. Die Sache mit der besten Freundin relativiert sich, wenn die Liebe auftaucht. In dieser unglaublich innigen Form kann man dann keine beste Freundin mehr haben. Diese absolute Verbindung splittet sich dann in verschiedene Menschen auf.

Wie ist Ihr Verhältnis heute? Sie haben ja mit dem Briefwechsel eine ganz intensive Form der Erforschung der eigenen und der gemeinsamen Biografie betrieben. Bleiben Sie nun zusammen oder gehen Sie wieder eigene Wege?
Beides. Es ist ja nicht nur die erinnerte Nähe, sondern man spürt wieder, warum man eine Strecke zusammen gegangen ist, so nah und vertraut. Diese Vertrautheit ist wieder lebendig. Aber man sieht auch – und ich denke, das gilt für beide – warum wir dann unterschiedliche Wege gegangen sind. Es ist beides da, die Distanz und die Vertrautheit.

© Irene Nießen, 2005

Alice Schwarzer/Barbara Maia: „Liebe Alice!
Liebe Barbara! Briefe an die beste Freundin“
Kiepenheuer & Witsch, 2005

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