MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Jürgen Todenhöfer (2008)

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„Ich möchte aufklären“

Der Medienmanager und Ex-Politiker Jürgen Todenhöfer hat geschafft, was kaum einem westlichen Journalisten gelingt: Er hat im Irak Einblicke in den Widerstandskampf der einheimischen Bevölkerung gegen die Amerikaner gewonnen. Jetzt spricht er über einen Krieg, von dem die Weltöffentlichkeit nichts weiß.

Sie sind 2007 auf eigene Faust in den Irak gereist, ohne Genehmigung, ohne Bodyguards. Was hat Sie veranlasst, vor Ort zu recherchieren?
Es war die Suche nach der anderen Seite des Krieges. Ich wollte den Krieg aus der Sicht der Opfer erfahren, nicht aus der Sicht der Täter. Die westlichen Medien – abhängig vom Informationsmonopol des Pentagons im Irak – präsentieren uns diesen Krieg fast ausschließlich aus der Sicht der Besatzer. Die Gefahren sind dort so groß, dass man sich als Westeuropäer nicht frei, sondern nur mit amerikanischem Schutz bewegen kann, als „embedded journalist“. Insofern entscheidet letztlich das Pentagon, wohin ein Journalist gehen kann und was er zu sehen bekommt. Auf diese Weise findet eine fundamentale Zensur statt.

Die Reise war ziemlich gefährlich. Nehmen Sie Gefahr billigend in Kauf?
Als ich vier Jahre alt war, wurde Hanau bombardiert, die Stadt, in der ich damals lebte. In den Bombennächten bin ich immer ausgebüxt, um zu sehen, was draußen geschah. Ich wollte die Kämpfe zwischen den Flugzeugen und der Flak sehen, habe warme Granatsplitter gesammelt. Ich habe offensichtlich ein journalistisches Gen in mir: Ich will die Wahrheit vor Ort sehen. Mein Angst-Gen hingegen ist offenbar wenig ausgeprägt. Das heißt aber nicht, dass ich Mut habe. Mut ist, wenn man seine Angst überwindet. Ich habe nur einfach keine Angst.

Macht das die Sache einfacher?
Ich war in der Politik manchmal ganz allein, musste vor 250 Fraktionskollegen aufstehen und eine abweichende Meinung gegenüber dem Bundeskanzler vertreten. Das war anstrengender.

Ist, wer der Wahrheit auf den Grund geht, zum Handeln verpflichtet?
Auf den Gebieten der Moral und des Charakters hat sich die Menschheit nicht weiterentwickelt. Hier fängt jede Generation immer wieder von vorne an. Jede Generation hat daher die Verpflichtung, sich engagiert für Gerechtigkeit einzusetzen. Ich glaube, dass das Leben viel zu kurz ist, um die Dinge zu unterlassen, die man für richtig hält.

Das setzt voraus, dass man weiß, was man für richtig hält.
Ich reise seit knapp 40 Jahren in muslimische Länder. Mit 18 war ich zum ersten Mal in Marokko, mit 19 während des Algerienkrieges zum ersten Mal in Algerien. Das waren für mich als Student mit sehr wenig Geld Ziele, die ich mit dem Motorroller oder per Anhalter und dann in der untersten Schiffsklasse erreichen konnte. Später bin ich als Abgeordneter der CDU während der sowjetischen Besatzung mehrfach in afghanischer Kleidung nach Afghanistan marschiert. 1990 habe ich dann den Beruf gewechselt, vom Politiker zum Medienmanager. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben mich meine Kinder gefragt: Du hast doch gegen den Krieg der Russen gegen Afghanistan protestiert – was, wenn nun die Amerikaner Afghanistan angreifen? Dass Amerika auf Terroranschläge reagieren musste, war klar. Aber dafür muss man ja keine Dörfer und Städte bombardieren. Die Frage habe ich damit beantwortet, dass ich nach einer über zehnjährigen totalen Verweigerung von Interviews im Feuilleton der „FAZ“ einen Artikel geschrieben habe. Und anschließend das Buch „Wer weint schon um Abdul und Tanaya? – Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror“. Denn ich musste feststellen, dass kaum jemand Afghanistan kannte, dass kaum ein führender westlicher Politiker die muslimische Welt kennt. Daraus entstand für mich die Verpflichtung, etwas zum Thema zu sagen.

Ihr Buch trägt den Titel „Warum tötest du, Zaid?“. Wer ist Zaid, und was hat er geantwortet?
Zaid ist ein 22 Jahre alter junger Mann, der in Ramadi lebt. Eigentlich will er mit dem Krieg im Irak nichts zu tun haben. Er will studieren, träumt davon, ein Fußballstar zu werden. Dann wird sein ältester Bruder getötet. Er will weiterhin nichts mit dem Krieg zu tun haben. Im Januar 2007 muss er dann erleben, wie sein jüngster Bruder nur wenige Meter vor dem Haus erschossen wird. Durch ein kleines Fenster sieht Zaid, wie sein Bruder von Kugeln durchsiebt am Boden liegt und die Blutlache immer größer wird. Er will hinausrennen, doch die Familie hält ihn fest, weil auch er sonst erschossen würde. In dieser Nacht beschließt Zaid, dass er helfen will, sein Land von denen zu befreien, die seine Geschwister töten. Er schließt sich dem bewaffneten Widerstand an.

Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen?
Ich wundere mich immer, wenn diese Frage gestellt wird, wo wir Deutschen doch so stolz sind, dass es einen Widerstand gegen das Unrecht der Nationalsozialisten gegeben hat. Ich werde nie die USA mit den Nationalsozialisten vergleichen, die USA, das ist eine große Demokratie, ein Rechtsstaat. Aber was Zaid tut, ist Widerstand gegen den hunderttausendfachen völkerrechtswidrigen Tod im Irak. Und dieser Widerstand ist nach der UN-Charta zulässig, allerdings muss er sich an die Regeln der Genfer Konvention halten. Der überwiegende Teil des Widerstands hält sich an diese Regeln. Es gibt einige extremistische Gruppen, die sich nicht daran halten. Auch Al Qaida. Al Qaida ist deshalb auch keine Widerstands-, sondern eine Terrororganisation, die übrigens zu 90 Prozent aus Ausländern besteht. Das bestätigen selbst die Amerikaner.

Sie haben mit verschiedenen Widerstandskämpfern gesprochen. Wie konnten Sie klären, ob deren Aussagen der Wahrheit entsprechen?
Das Buch vermittelt vielleicht den Eindruck einer Momentaufnahme, ist es aber nicht. Tatsächlich beruht es auf sehr vielen Gesprächen, die ich in vier zeitlich und geografisch voneinander unabhängigen Informationsrunden geführt habe – in Syrien, Jordanien, Ägypten, später dann im Irak. Ich habe mit Opfern, aber auch mit Parteigängern von Saddam Hussein gesprochen, mit christlichen Widerstandskämpfern, mit Feministinnen, Intellektuellen, Gefolterten … Ich habe immer wieder dieselben Fragen zum Widerstand gestellt: Wie viele Widerstandskämpfer gibt es? Wie ist das Verhältnis zu Al Qaida? Kämpfen sie gegen Zivilisten? Die Antworten habe ich mit Hunderten von Artikeln verglichen, die von „embedded journalists“ geschrieben worden waren. Ich habe dabei massive Widersprüche zu meinen Erkenntnissen festgestellt und versucht, diese aufzuklären. Das bedeutet nicht, dass ich mir einbilden darf, die ganze Wahrheit zu kennen, da ich ja nur in einem Teil des Irak war. Aber ich habe versucht, der Wahrheit nahe zu kommen.

Welchen Krieg im Irak haben Sie erlebt?
Der wirkliche Krieg findet zwischen der amerikanischen Armee mit ihren 300.000 Berufs- und Privatsoldaten und etwa 100.000 Vollzeitwiderstandskämpfern statt. Zaid ist ein Teilzeit- widerstandskämpfer, denn er studiert tagsüber. Doch diesen Krieg zwischen Amerikanern und Widerstandskämpfern bekommen wir nicht zu sehen. Wir bekommen keine Bilder von Schießereien zu sehen, wie Amerikaner bombardieren oder Razzien durchführen. Pro Tag finden etwa 200 militärische Aktionen statt. Etwa 100 Aktionen der Amerikaner und etwa 100 Aktionen des Widerstands. Was wir aufgrund des Informationsmonopols des Pentagons zu sehen bekommen, sind allein die Anschläge von Al Qaida. Davon gibt es einen, zwei, drei pro Tag, manchmal auch keinen. Das heißt, es wird uns ein Nebenkriegsschauplatz gezeigt, der angebliche Krieg der Amerikaner gegen Al Qaida. Al Qaida aber hat weniger als 1000 Mann im Irak. Die militärische Bedeutung von Al Qaida im Irak ist marginal.

Parallel zur Veröffentlichung des Buches haben Sie eine Anzeigenkampagne gestartet und Ihre Thesen in doppel- seitigen Anzeigen in der „FAZ“, der „New York Times“ und in „Al Quds Al-Arabi“ veröffentlicht.
Ich habe eine crossmediale Kampagne gestartet, um in allen Medien zu zeigen, was es für einen einfachen Iraker bedeutet, unter amerikanischer Besatzung zu leben, und wie das Verhältnis zwischen der muslimischen und der westlichen Welt in den letzten Jahren war und heute ist. Da zeigt sich, dass wir die Gewalttätigen waren und auch heute noch sind.

Mit der Anzeige in der „New York Times“ haben Sie mit Ihrem Anliegen Amerika erreicht. Wie geht es weiter?
Wir haben eine Internetseite auf Deutsch, Englisch und Arabisch erstellt. Ich habe Fernsehinterviews in verschiedenen Ländern gegeben. Wie haben einen Kinospot gedreht, und das Buch wird in viele Sprachen übersetzt. Auch ins Amerikanische. Und wahrscheinlich wird es einen Film über das Buch geben.

Welche Hoffnungen, glauben Sie, haben Sie mit Ihrem neuen Bild vom Irak-Krieg geweckt?
Menschen im Irak haben mir gesagt, ich sei seit drei Jahren der einzige Berichterstatter des Westens, der nicht „embedded“ gekommen sei. Sie sind entsetzt darüber, dass ihnen jeden Abend im Fernsehen Al-Qaida-Anschläge als die wichtigste Realität des Irak gezeigt werden. Weil sie täglich erleben, dass die Realität eine ganz andere ist. Und sie sind darüber entsetzt, dass nicht bekannt ist, dass es überhaupt einen Widerstand gibt. Die Menschen erwarten jetzt natürlich, dass ich das alles bekannt mache. Aber ich treffe teilweise auf ein Publikum, das vom Irak-Krieg nicht mehr viel wissen will. Viele Mensche hier denken, sie hätten mit ihren Protesten vor fünf Jahren ihre Schuldigkeit getan.

Mit welchem persönlichen Ziel setzen Sie sich für die Menschen im Irak ein?
Ich hatte zwei Ziele: zum einen den Ehrgeiz, ein schonungsloses Buch über das Leid der Menschen im Irak zu schreiben. Zum anderen habe ich das Anliegen, die zehn Grundthesen, in denen ich das Verhältnis zwischen muslimischer und westlicher Welt in den letzten Jahrhunderten schildere, möglichst vielen Menschen bekannt zu machen. Der Hass zwischen dem Westen und der muslimischen Welt beruht zum großen Teil auf Ignoranz. Ich nenne nur ein Beispiel: Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup hat 50.000 Muslime in der Welt befragt. 93 Prozent aller Muslime lehnen demzufolge die Anschläge auf das World Trade Center ab. Lediglich sieben Prozent haben Verständnis für Anwendung von Gewalt. Das ist ziemlich genau der Prozentsatz, den es auch im Westen an gewaltbereiten Menschen gibt: autonome Linke, Rechte, radikale Skinheads, Kriminelle, Perspektivlose.

Die Nachrichten vermitteln uns aber ein anderes Bild …
Georg W. Bush hat in diesem völkerrechtswidrigen Krieg den Tod von mehr als einer Million Menschen zu verantworten. Und trotzdem hat er es geschafft, den Eindruck zu erwecken, die Gewalttätigkeit der muslimischen Welt sei das Problem unserer Zeit. Das ist eine bemerkenswerte Verdrehung der Wahrheit. Das Hauptproblem unserer Zeit ist die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder. Das möchte ich aufklären.

© Irene Nießen, 2008

Jürgen Todenhöfer: „Warum tötest du, Zaid?“
C. Bertelsmann, 2008

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