MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Birgit Vanderbeke (1998)

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„Ich glaube, daß man als Autor nicht das Recht hat, Erfahrungen aus dem Weg zu gehen.“

Wann kam Ihnen zum ersten Mal der Gedanke, Schriftstellerin zu werden?
Als kleines Mädchen. Ich habe mein erstes Buch im Flüchtlingslager bekommen, zu Nikolaus, da war ich fünfeinhalb. Das waren „Die Kinder von Bullerbü“. Ich hatte mir das Lesen schon früh beigebracht, weil ich im Lager keine Kinder zum Spielen hatte. Von dem Moment an wußte ich, daß ich auch so etwas Schönes machen können will.

Mit „Alberta empfängt einen Liebhaber“ erzielten Sie vor zwei Jahren Ihren großen Durchbruch, in der Wahrnehmung der Kritiker und in der Öffentlichkeit. Wie war das, als Sie mit „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ begannen? Fühlten Sie sich unter Erwartungsdruck?
Nein. Schon nach dem „Muschelessen“ haben mich viele Leute danach gefragt. Das ist bei mir nicht so. Die Geschichten sind drin, und sie wollen irgendwann heraus, und das hat wenig mit den Reaktionen und Stimmungen draußen zu tun. Das ist dieselbe Sache wie mit dem Roman, nach dem die Kritik ruft. Das interessiert mich einfach nicht. Wenn ein Roman herauskommt, dann war er drin, und wenn er nicht drin ist, kommt auch keiner heraus.

Gibt es eine Art Initialzündung für Ihre Geschichten?
Sagen wir mal so, es gibt ein paar Schritte: Ich weiß bei dem Buch, an dem ich gerade sitze, immer schon den Stoff vom nächsten. Dann weiß ich irgendwann auch den Titel. Dann komme ich so langsam in die Nähe des Personals. Die Figuren müssen entstehen. Und wenn ich deren Namen habe, dann bin ich schon ziemlich weit. Bei Namen kann man sich ganz böse bis fatal vertun. Solange ich die Namen nicht weiß, würde ich nie losschreiben. Und dann taucht irgendwann ganz spät der erste Satz auf. Den probiere ich ein bißchen, der muß schmecken. Danach läuft es los.

Das ist eine sehr sinnliche Art, sich dem eigentlichen Schreiben zu nähern. Der erste Satz muß schmecken, der Name muß stimmen …
… ja, und ich muß wissen, wo die Geschichte hin will. Wenngleich ich dann noch nicht unbedingt weiß, ob es ein Happy end oder ein fatales Ende geben wird.

Sie überraschen sich also selber?
Beim Schreiben überrascht sich jeder, denke ich. Solange die Geschichte im Kopf entsteht, ist sie noch nicht wirklich. Das wird sie erst auf dem Papier. Ich mache mir keine Notizen. Insofern hat das Aufschreiben tatsächlich seine verblüffenden Momente. Manchmal sitze ich am Computer und muß laut lachen.

Zwischen den Themen Ihrer Bücher und den mageren biographischen Daten scheint es Parallelen zu geben. Die Biographie als Ausgangspunkt?
Nein, ich mache etwas anderes. Wenn ich weiß, ein Stoff ist mir wichtig, stelle ich ihm Teile meiner Biographie zur Verfügung. Das ist wie ein Leihvorgang. Ich borge der Erzählung Teile meiner Biographie. Es ist ganz offensichtlich, daß das jetzige Buch eines meiner privatesten ist.

Als Stichworte ließen sich Trennung, Wahrnehmung, Perspektive nennen – der Titel drückt aus, daß es um Standpunkte geht.
Es geht um Differenz. Um die kulturelle Differenz zwischen Franzosen und Deutschen und um die Differenz zwischen Menschen, die sich in dem „Ich sehe was, was Du nicht siehst“-Spiel zwischen der Hauptperson und ihrem Mann ausdrückt, also um die Frage: Wieweit sehen wir dasselbe und wieweit können wir akzeptieren, daß wir nicht dasselbe sehen?

Van Gogh spielt ebenfalls eine große Rolle in dieser Geschichte.
Van Gogh beschäftigt mich, seit ich 13 war. Das hat sich enorm intensiviert, als wir nach Südfrankreich zogen. Ich habe seine Briefe nochmal gelesen und wußte sehr schnell, daß ich um das Bild „Sternennacht über der Rhône“, das jetzt das Cover bildet, eine Geschichte erzählen würde. Es ist mein Lieblingsbild. Und dann mußte die Geschichte erst einmal einige Jahre wachsen. Es war mir aber die ganze Zeit klar, es wird eine Geschichte über das Sehen, über die Wahrnehmung. Weil die Blicke sich ändern, wenn man in ein anderes Land zieht.

Sie sind aus Deutschland weggegangen, nachdem Sie „Gut genug“ geschrieben hatten. Hatte diese Entscheidung etwas mit dem Buch zu tun?
„Gut genug“ ist mir unter all meinen Büchern das liebste. Ich glaube, es hat mir nochmal erzählt, warum ich weggehen sollte. Ich habe es fertiggeschrieben, bin aufgebrochen und habe in Südfrankreich das Haus gefunden.

Sie spannen den Bogen sehr weit: Das Leben als Stoff, verdichtet in Geschichten …
… ich nenne es Maggiwürfel.

… traurigen, tragischen Geschichten, die Sie aber so komisch erzählen, daß man immer lachen muß.
Das hoffe ich. Ich halte Humor für eine erkenntnisfördernde Haltung. Ich schaue mir an, was und wie etwas zwischen Menschen schief gehen kann, also Trennungen – versuchte, gelungene oder nicht gelungene. Eine Grunderfahrung geht aus meiner Biographie hervor: Meine Familie ist 1961, kurz vor dem Bau der Mauer, vom Osten in den Westen gegangen. Ich war praktisch von eben auf jetzt fremd, erst im Lager, dann in der Umgebung, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin ganz lange ein Ostkind gewesen. So kam das „Muschelessen“ in Gang. Ich habe es im August 1989 geschrieben, als ich mir klarmachte, daß all diese Leute, die vom Osten in den Westen kommen, „Ostmenschen“ sein werden (das Wort „Ossi“ gab es noch nicht). Das ist eine tiefgehende Erfahrung, die inzwischen der ganze Osten macht. Das Fremdsein ist mit Sicherheit häufig ein Schreibanlaß, denn auch im Vertrautsein liegt eine große Fremdheit, die katastrophal werden oder die gemeistert werden kann. Über diese Dinge erzähle ich.

Gibt es in Ihrem Leben so etwas wie ein Motto?
Es gibt ein schriftstellerisches Motto: Ich glaube, daß man als Autor nicht das Recht hat, Erfahrungen aus dem Weg zu gehen. Man muß sie alle machen.

© Irene Nießen, 1998

Birgit Vanderbeke: „Ich sehe was, was du nicht siehst“
Fest, 1999

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